3 Monate Ecuador

 
04Oktober
2014

el tiempo vuela

Hallo Allerseits,

Tut mir leid, dass ihr in letzter Zeit so wenig von mir hört aber die Zeit fliegt und ich verbringe die Zeit lieber anders als vorm Computer. Irgendwie bin ich ständig auf Achse weshalb ich nicht mal richtig dazu komme Bilder zu machen, deswegen hier ein Paar von meinem letzten Arbeitstag.

  

Ich wurde sehr nett verabschiedet und muss wider erwarten sagen das mir die Arbeit wirklich Spaß gemacht hat. Wahrscheinlich war das Alter meiner Gruppe auch optimal für mich (1-1 1/2 Jahre), da die Arbeit da eher "mütterlicher" ist als wirkliche pädagogische Betreuung. Die älteren Kleinen die schon in der Trotzphase sind fand ich um einiges anstrengender. Ich hatte hauptsächlich die Aufgabe Tränen zu trocknen, sie in den Schlaf zu wiegen und zu füttern. Alles machbar und mit der Zeit wirklich sehr schön.

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Als ich neulich aufstand saß unsere Haushaltshilfe in der Küche und hat bitterlich geweint (Vormittags sind nur sie und ich im Haus). Als ich sie nach dem Grund fragte erklärte sie mir, dass ihrem unehelichen Kind die Taufe verweigert wurde- für die wirklich gläubigen Menschen in diesem Land eine Katastrophe, da sie sich sicher sind das dem Kind tatsächlichhdie Hölle droht falls ihm ungetauft etwas passiert. Deswegen konnte sie auch meine typisch westliche Argumentation (Es gibt keine Hölle, alles nur ein Gespinst um Leuten Angst zu machen etc.) so gar nicht überzeugen. Schließlich konnten wir uns aber darauf einigen das wenn überhaupt nur der Pfarrer in die Hölle kommt und nicht ihr Kind. Kirche macht echt immer nur Blödsinn. 

 

18Sept
2014

Abuela

 Vor ein paar Wochen waren wir meine Oma (mütterlicherseits) auf dem Land besuchen. Die Finca war der ursprüngliche Wohnsitz der ganzen Familie, bis sie durch Schicksalsschläge gezwungen war in die Hauptstadt zu ziehen. In der Zeit verkam der riesige Besitz und nur meine Großmutter kehrte irgendwann zurück. Ich hatte nur noch verschwommene Erinnerungen an das Gelände und war erstaunt als ich es wieder betrat. Die Landschaft war wunderschön, endlose Hügel welche unterhalb von einem Fluss begrenzt wurden. Alles was früher der ganze Stolz der Familie gewesen war, ist jetzt verwildert was der Gegend aber nicht seine Schönheit nimmt. Die paar Hütten allerdings, in denen meine Großmutter jetzt lebt (ich bin mir übrigens nicht ganz sicher ob sie mich erkannt hat), sind allerdings mehr als kläglich. Die ganzen Kinder bemühen sich seid Jahren sie davon zu überzeugen sich ein Haus zu bauen aber sie möchte absolut nicht.  Gewohnheiten sind eben hart zu durchbrechen.

Auf dem Weg dorthin sah ich zum ersten Mal die wirkliche Armut dieses Landes: eingefallene Hütten ohne Strom oder Wasseranschluss und Menschen, welche das harte Landleben vor der Zeit altern ließ.



Meine kleine Cousine beim Hühner füttern- Im Hintergrund die kläglichen Behausungen auf der Finca.


All die Ländereien auf den Bildern gehören noch immer zum Besitz der Familie.

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Generell habe ich mich jetzt richtig eingelebt und verbringe hier eine unfassbar schöne Zeit. Die letzten Wochen vergingen wie im Flug und ich kann gar nicht glauben das über die Hälfte schon rum ist. Meine ecuadorianische Familie ist unfassbar liebevoll und tut alles um mir einen perfekten Aufenthalt zu ermöglichen. Zudem macht mir meine Arbeit langsam wirklich Spaß und ich habe endlich so etwas wie ein soziales Leben entwickelt. Man braucht halt doch immer so seine Zeit um anzukommen…

Seid dieser Woche ist die Homoehe in Ecuador legal- Fiesta!

07Sept
2014

Mi trabajo

Ich arbeite zurzeit in einem Tochterprojekt der weltweit agierenden Menschenrechtsorganisation „Terre des Hommes“. Es handelt sich hierbei um einen größeren Komplex in dem eine Nachmittagsbetreuung für Straßenkinder ist und zugleich eine Tagesstätte für 1-3 Jährige Kinder, welche aus armen Familien mit zumeist minderjährigen Müttern kommen. Da es in einem der sozialen Brennpunkte liegt musste ich vorher erst an einer längeren Unterweisung teilnehmen. Ich musste unterschreiben, dass ich den Kindern keine Versprechungen („du kannst mich irgendwann mal in Europa besuchen“, „Ich helfe deiner Familie“) oder Geschenke mache und natürlich, dass ich sie niemals demütigen, misshandeln oder anderweitig missbrauchen werde. Da die Betreuung der Straßenkinder nachmittags und in der KiTa große Unterbesetzung war wurde ich gebeten ob ich nicht vielleicht bei den Kindern aushelfen könnte- ich sagte zu. Da ich noch nie mit Kindern gearbeitet hatte (schon gar nicht mit so kleinen) war das echt ein krasser Sturz ins kalte Wasser. Am ersten Tag hatte ich vier schreiende Kinder im Arm die nicht aufhören wollten zu weinen und mich erstmal vollkotzten. Wie hält man so zerbrechliche Wesen ohne ihnen weh zu tun? Woran erkenne ich was ihnen fehlt? Keine Ahnung. Ich war überfordert. Doch als ich es dann geschafft hatte, das erste Kind in den Schlaf zu wiegen und nach und nach alle auf hörten war ich auf einmal zufrieden. Am zweiten Tag hatte ich sogar ein bisschen Spaß. Und am vierten waren die Angst und die Hemmungen weg und ich begann mich auf die Kinder einzulassen. Denn auch wenn ich es hauptsächlich mit den Kleinsten zu tun habe (1-1 ½ Jahre alt) sieht man schon Anlagen für Persönlichkeit und Veranlagung. Da ich normalerweise ein Mensch vernünftiger Kommunikation bin und die nun mal mit Babys nicht möglich ist lerne ich nach und nach mich für die Kleinen zum Deppen zu machen ohne ständig zu denken „wenn meine Freunde mich jetzt sehen könnten“.

Da ich versuche aus dem Erlebten immer Rückschlüsse auf Land und Gesellschaft zu ziehen ist hier meine erste Erkenntnis: Genau wie in Deutschland kann man (leider) anhand der Namen oft sehen aus welcher Gesellschaftsschicht die Kinder stammen. Im Umkreis meiner Familie heißen die Kinder Paulina, Selena, Gabriella, Sebastian, Andre oder Martín- in meinem Kindergarten hingegen Tiffany, Brittany, Kimberly, Scarlett oder Justin (geschrieben Jhostin haha). Auch sind extrem viele sehr religiöse Namen vertreten wie Concepción (Empfängnis), Genesis oder Resurrección (Auferstehung). Ich denke in beiden Fällen hat es etwas mit Hoffnung zu tun. Die amerikanischen Namen geben den Glamour eines Lebens weit weg, welches ihr Kind vermutlich nie führen wird, die biblischen Namen geben Hoffnung auf unerwartete Errettung welche ebenfalls vermutlich nie kommen wird. Tja so ist das. 

05Sept
2014

Casa Humboldt/ erstes Fazit

In diesem Beitrag geht es mehr um einen Tipp für Deutsche die längere Zeit in Ecuador verbringen.

Da ich die kleine Bibliothek auf meinem Ereader relativ schnell ausgelesen hatte, begab ich mich in die wunderschöne Buchhandlung „libri mundi“ in der Hoffnung dort vielleicht auch ein deutsches Buch zu finden. Dem war nicht der Fall, dennoch empfahl mich die nette Buchhändlerin an die „Casa Humboldt“ weiter, die deutsche Vereinigung in Quito. Ich rief direkt dort an und wurde eingeladen sofort vorbei zu kommen, allerdings mit dem Vorbehalt, dass die kleine Bibliothek extrem unsortiert und klein sei. Dort angekommen entsprachen die Ankündigungen den Tatsachen, was mich aber nicht weiter störte. Zwei Stunden wühlte ich mich durch die Bestände und kam mit 14 Büchern wieder raus. Da es anscheinend kein großes Interesse an der kleinen Bibliothek gab wurde ich nur um meinen Namen und das Versprechen gebeten, die Bücher irgendwann vor meiner Rückreise wieder zurück zu bringen.

Generell ist die Casa Humboldt schön gestaltet, mit einem großen Kulturprogramm- inklusive eigenem Kino und Theater. Also an alle Deutsche die länger in Quito sind- falls es eine Heimwehattacke geben sollte: vorbeischauen lohnt sich :).

Jetzt da ich schon einen Monat in Ecuador bin, kann ich mein erstes Fazit ziehen.

Viele Dinge sind anders als erwartet oder in Erinnerung, andere sind genauso wie vorhergesehen. Vor allem ist mir klar geworden wie krass verwöhnt der Mittelklasse Europäer ist. Selbstverständliche Dinge wie Sicherheit, Infrastruktur oder gute Medien sind Privilegien denen ich mir absolut nicht bewusst war. Vor allem die Sicherheit in Deutschland habe ich extrem zu schätzen gelernt. Das es kein Problem ist um 3 Uhr Morgens mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren oder als Frau Abends alleine durch die Stadt zu laufen ist Luxus- sollte es natürlich nicht sein, aber es ist in Ecuador nun mal nicht der Fall. Zwar bin ich noch nie Kriminalität begegnet aber schon alleine immer auf der Hut sein zu müssen war ungewohnt.

Ich finde es hier extrem angenehm, dass vieles was den Alltag betrifft viel lockerer gehandhabt wird als in Deutschland. Die Leute heulen nicht ständig über Preis/Leistungsverhältnisse oder Hygienestandards rum. Auch ist der Umgangston viel freundlicher als in Deutschland, was einerseits an der Sprache (extrem viele Kosenamen, auch an Leute die man nicht kennt plus unendlich oft eingesetzte Verniedlichungsformen) andererseits auch einem respektvollen Umgang liegt. Ich persönlich musste mir erstmal meinen ausgeprägten Sarkasmus abgewöhnen, weil der hier einfach nicht so oft gefragt ist.  

Was alle politischen Fragen angeht- extrem Generationen und Bildunsabhängig- aber dazu wann anders ein längerer Beitrag.

31August
2014

Hello again

Tut mir leid für die lange Abwesenheit, habe gerade versucht einen Blogeintrag fertig zu stellen aber beim hochladen hat sich der komplette Text gelöscht- da ich jetzt dezent keinen Bock mehr habe reiche ich den nächsten Eintrag morgen nach- versprochen!

Für diejenigen die dennoch etwas von mir lesen wollen: Das wunderbare, kleine Magazin "Bierglaslyrik" hat in seiner aktuellen Ausgabe einen Beitrag von mir veröffentlicht. Falls ihr nicht gerade in einem der Cafes sitzt in denen es ausliegt, könnt ihr euch die Online Ausgabe hier kostenlos runterladen, mein Beitrag findet sich auf der ersten Seite.   

Ganz viele Grüsse und Küsse an meine Liebsten zu Hause. 

18August
2014

Fiesta!

Die letzten Tage kannten eigentlich alle in Quito nur ein Thema: Die immer wiederkehrenden kleinen Erdbeben. In meiner Zeit hier hat die Erde schon vier Mal gewackelt, was immer wieder für einen kurzen Schreck, mehr aber auch nicht sorgte. Ganz anders allerdings bei meiner Familie- alle bekamen die unbedingte Anweisung stehts einen Notfall Rucksack mit allem wichtigen gepackt zu halten und bei dem kleinsten Zittern sofort das Haus zu verlassen. Mal schauen wie es in nächster Zeit wird, es sollen wohl noch einige kleine Beben kommen. 

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Dieses Wochenende hatte ich endlich mal wieder die Möglichkeit richtig unter Leute zu kommen. Da ich die letzten Monate vor der Abreise auf Grund des "Post Abi Vakuums" mit meinen Freunden mehr oder weniger in der Bar gewohnt hatte, war die Trennung von ihnen dann doch unerwartet schwer. Daher nahm ich das Angebot meiner Cousine dankend an am Freitag mit ihr ins Ausgeh Viertel rund um die Plaza Forch zu gehen. Nach tausend Absprachen mit meiner Familie (Du bist um spätestens eins zu Hause, wenn jemand etwas über dich schüttet lässt du dir nicht helfen, nimm keine Getränke von niemanden an und lass deins nicht aus dem Blick, und vor allem KEIN ALKOHOL) ging es endlich los. Kurios war erstmal das wir schon um halb 7 das Haus verliessen und es auf dem Platz dennoch brechend voll war. Meine Cousine erklärte es mir damit, dass per Gesetz alles bereits um 2 schliessen müsste- daher würde man eben früher anfangen. Hatte ich zuerst den absoluten Latino Alptraum erwartet fand ich mich schnell eines besseren belehrt. Meine Cousine führte mich in eine der Seitenstrassen wo eine abgeranzte rocknroll Kneipe neben der anderen war- absolut grossartig. Plötzlich war ich inmitten ecuadorianischen punks, studenten, alternativen. Das Bier kostete nur 1 Dollar und die Stimmung war wunderbar. Endlich konnte ich in aller Ruhe wieder "ich" sein und wir verquatschten uns bis spät in die Nacht.

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Am nächsten Tag ging ich mit einer Mitschülerin aus meiner Sprachschule in die Altstadt mit dem ursprünglichen Plan erst durch jene zu schlendern und anschliessend zu einem Elektro Festival auf der Placa Forch zu gehen. Den ersten Teil des Planes realisierten wir auch, leider wurde das Fest wegen den Erdbeben Warnungen abgesagt, sodass wir mit ein paar anderen Mädels aus der Sprachschule in eine der Kneipen gingen. Erstaunlicherweise war im Gegensatz zu Freitag kaum was los, sodass sich die Anderen gegen elf verabschiedeten und ich erneut zu meiner Cousine stiess. Allerdings wurden wir ab elf im fünf Minuten Takt von unserer Familie egen der Erdbeben Warnungen terrorisiert, weswegen wir dann auch den Heimweg antraten.

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Der nächste Post kommt vorraussichtlich Montag, da ich am Donnerstag an die Küste fahre.

Besos, Isabella 


11August
2014

Fin de semana!

Nachdem ich sämtliche Shopping Malls von innen gesehen hatte, hatte ich vor ein paar Tagen auch die Ehre ein Krankenhaus zu besuchen- die Höhenkrankheit samt einer Mandelentzündung hatten mich umgehauen. Meine Familie, welche mich und den Wochenendausflug in Gefahr sah, verfrachtete mich sofort ins Wartezimmer und nachdem mir eine Spritze und Antibiotika verabreicht wurden ging es mir allmählich besser.

Wie schon angedeutet ging es über das Wochenende nach Ibarra, eine Stadt etwa zwei Stunden von Quito entfernt mit hübscher Natur und hübschen Resorts...

 



Otavalo- eine kleine Stadt in der wir unterwegs kurz gehalten haben. Obwohl es von Präsident Correa ein Programm gibt um das Gesundheitssystem zu reformieren, gibt es immernoch ziemlich viele Ecuadorianer, welche von der komplizierten Bürokratie der Krankenversicherungen so gar nichts halten und sich stattdessen lieber an Naturheilmittel oder den lieben Gott halten (siehe Bild).

Ein ehemaliger Vulkankrater, jetzt ein wunderschöner See auf dem man Rundfahrten unternehmen kann.



Meine kleine Cousine durfte tatsächlich ihren Hasen mitnehmen- auf den ganzen Wochenendtrip. Der ist dann die ganze Zeit im Zimmer rum gehoppelt und hat alles voll gekackt.



"Die städtische Revolution finanziert dieses Werk"
Überall in Ecuador hängen an Bauprojekten diese Plakate- ebenfalls ein Projekt Correas, der viele ehemalige, verfallene Gebäude zurück in die Hand der Kommunen holen will um sie zu restaurieren.




 

Der Ausflug war- bis auf meine angeschlagene Gesundheit ganz schön, allerdings habe ich mich wieder hauptsächlich an Orten aufgehalten die eher der Oberschicht zugänglich sind. Die wunderschöne Natur jedoch, habe ich zum ersten mal bewusst wahr genommen. 
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Nun zu etwas anderem. Die erste Zeit hier habe ich hauptsächlich im Kreise meiner Familie und Malls (das wird noch mein Lieblingsrunninggag, war schon wieder in zwei) verbracht. Dies sollte sich aber ab heute ändern, da mein Sprachkurs anfing. Zwar spreche ich spanisch relativ fliessend, aber mit katastrophalen Grammatik Fehlern, welche ich ein für alle mal beheben möchte. Hierzu habe ich mir die Sprachschule "Atahualpa" ausgesucht, welche ich die nächsten zwei Wochen vier Stunden täglich besuchen werde. Anschliessend fängt dann meine freiwilligen Arbeit  in einem Strassenkinderprojekt an- weshalb ich eigentlich hier bin. Bevor ich den Kurs beginnnen konnte, taten sich jedoch ungeahnte logistische Probleme auf. Ich hatte die Vorsicht meiner Familie unter- und die Infrastruktur Quitos eindeutig überschätzt. Da mein Cousin und meine Cousine eigentlich überall mit dem Auto hinchauffiert werden, kam es gar nicht in Frage, dass ich mit dem Bus fahre. Da mir dies aber reichlich albern vorkam wurde es zum Gegenstand endloser Diksussionen in denen ich mich nach etlichen Horrogeschichten von vergewaltigen Mädchen und "desaparecidos" (Die "Verschwundenen" in Südamerika, Begriff wurde vor allem durch diverse südamerikanischen Militärdiktaturen geprägt- siehe Link) geschlagen gab. Wenn auch nur vorerst! Generell ist die Autoriät der Familie sehr anders als in Deutschland...


Ausrangiertes Schild auf der Dachterasse meiner Sprachschule...

Kleiner Welpe, welcher meiner Lehrerin zugelaufen ist und zurzeit von allen Schülern des Instituts aufgepeppelt wird. Da schlägt sogar mein Katzenherz höher.

Das wars auch schon wieder- bis bald :)

08August
2014

Interessen gehen oft auseinander

Ich habe ja im letzten Post schon angedeutet, dass der Mittelschicht Ecuadorianer alles total schick findet was westlich ist- ergo geht er davon aus, dass auch ein Europäer alles schick findet was westlich ist- ergo es wird nur gezeigt was westlich ist. Leider bin ich darauf so gar nicht aus und nach dem vierten Shopping Mall Besuch hats mir eindeutig gereicht. Sie meinens nur gut, weil sie immer die Befürchtung haben, dass alles wirklich typisch ecuadorianische meinen europäischen Standards nicht gerecht wird. Aber ich hol mir lieber 4 Lebensmittelvergiftungen bei den offenen Garküchen, als 14 Stunden von meinem Heimatland entfernt immer wieder bei KFC und Pizza Hut zu essen (ist wie gesagt tot schick hier, Kinder wünschen sich zu ihren Geburtstagen dorthin zu gehen). Jedenfalls wurde mein Flehen erhört und es ging gestern Abend endlich in die wunderschöne Altstadt. Durch diverse Verzögerungen, kamen wir erst gegen Abend los und gerieten auf der "Placa de la Independencia" prompt in eine Touri Veranstaltung, die vor allem Taschendieben und Strassenkindern dazu dient ihr Elend zu verbessern. Da der Platz "Platz der Unabhängigkeit" heisst, wurde ich gefragt wann wir unseren Unabhängigkeitstag feiern "haben keinen", "wie ihr habt euch nie von irgenwem Unabhängig gemacht"? "ähm..."


Locra- Eine leckere Käse/Kartoffel Suppe mit Tostada (links) getoasteter Mais

Was macht man in Ecuador mit schönen alten Kolonialbauten? Klar- ne Mall.



Folklore Quatsch in Quito- meinen Verwandten zu liebe wollte ich mal nicht so sein. (Tut mir leid für die miserable Qualität)



Frittada- Also für Vegetarier wäre Ecuador nicht unbedingt ein riesen Spass, die Küche ist doch ziemlich Fleischlastig aber sooo lecker.

Isa mit Hase

 

Des weiteren muss ich mein Bild des extrem konservativen Ecuador ein bisschen revidieren- Homophobie, traditionelle Geschlechterrollen und Abtreibungsfeindlichkeit scheinen hauptsächlich ein Problem der Elterngenerationen zu sein. "Da hört man am besten gar nicht hin", meinte meine 21 Jährige Cousine, während sie sich am Kiosk genau eine Zigarette holte- das geht hier, ich war zutiefst erstaunt. "Ich habe massenhaft schwule Freunde und wir reden offen über Verhütung und Sexualität." Im nächsten Moment sagt sie aber wiederum, dass ein vergebenes Mädchen nicht ausgehen sollte. Ahja. 

 

05August
2014

Ankunft

War das ein Flug. 
Nachdem ich schlagartig kurz vor Abflug realisiert habe, was es wirklich heisst meine Liebsten drei Monate nicht mehr wiederzusehen war meine Stimmung erstmal gedrückt- vor allem weiss ich in dieser Postabi Umbruchsphase nicht wie die Verhältnisse sein werden wenn ich wiederkomme. Nichtsdestotrotz versuchte ich mich zu freuen. Von Frankfurt bin ich 12 Stunden bis Bogota (Kolumbien) geflogen, da es keine direkte Verbindung von Frankfurt nach Quito gibt. Dort angekommen war ich erstmal ernüchtert, es waren am Flughafen die gleichen teuren Luxusläden, die gleiche Musik, und die gleiche Mode- alles Dank Globalisierung- wie in Deutschland, eine Erkentniss welche sich in Quito fortsetzen sollte...

 

Tut mir leid für die Qualität der Bilder, hab sie mehr oder weniger im vorbei rennen gemacht...

In so Läden konnte man allerlei Folklore Nippes kaufen, völlig überteuert, für Touristen welchen es egal ist ob das Produkt made in Colombia ist oder nur so aussieht.

 

Nach einer nervigen Weiterreise kam ich nach insgesamt 19 Stunden unterwegs völlig erschöpft in Quito an, wo ich von meiner grossen verwandschaft sehr herzlich begrüsst wurde

 

(Meine Cousine und mein Onkel)

An dieser Stelle würde ich gerne kurz einhaken unter welchen Verhältnissen ich die nächsten Monate leben werde. In Ecuador lässt sich die Gesellschaft mehr oder weniger in 4 Schichten einteilen: bittere Armut, Menschen die geradeso mit dem Existenzminimum leben, die obere Mittelschicht und die unfassbar schwerreiche Bourgeiosie welche aus ca. 20 Familien besteht. Meine Verwandschaft dort gehört der oberen Mittelschicht an, herzensgute Leute welche in allem dem amerikanischen Vorbild nacheifern und leider noch sehr in ihrem Klassendenken gefangen sind. Diese Gesellschaftsschicht besteht zumeist aus Mulatten, also "Mischlinge", welche hellere und europäischere Züge haben, als die typische Ureinwohner, die Indios. Auf jene wird meist sehr herab geblickt, da sie viel im Dienstleistungssektor für eben jene Familien arbeitet. In meiner Familie äussert sich das vor allem in der Art und Weise wie das Indigene Hausmädchen behandelt wird, welche ich zur Begrüssung herzlich umarmte, was im Nachhinein jedoch als eher unpassend emfpunden wurde. Aber im Gegensatz zu anderen hier, ist der Ton in meiner Familie erschreckenderweise wohl noch moderat. Dennoch wäre es zu hart zu sagen, dass meine Familie hartherzig ist- sie wissen es einfrach nicht besser. Genauso wenig wissen sie, dass Homosexualität normal und kritische Einstellkungen okay sind. So weit ist dieses Land einfach noch nicht. 

 

Meine neuen Haustiere- ein hyperaktiver Hase und ein Hund der genauso aussieht wie der Teppich. Obwohl ich eigentlich extrem der Katzen Fraktion angehöre werde ich denke ich mit denen klar kommen.

M

 

Am nächsten Tag ging ich erstmal ins Quicentro, eine Shoppingmall ganz in der Nähe meines Hauses, da ich mir noch eine Simkarte für hier besorgen musste. Auf dem Weg konnte ich ein paar Impressionen sammeln. 

Quito liegt in 2850 Meter Höhe in einem Andenbecken und ist somit die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Bis auf die historische, wunderschöne Altstadt aus Kolonialzeiten, sieht Quito halt aus wie eine typische dritte Welt Stadt. Alles ist chaotisch und unstrukturiert aus dem Boden gestampft, die Strassen sind lebensgefährlich und die Infrastruktur weitesgehend eine Katastrophe- trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liebe ich es hier. 


Die Strasse in der ich wohne- abgeriegelt und bewacht durch ein kleines Wachhäusschen, damit sich hier ja niemand hinverirrt der hier nicht hingehört...finde ich nach wie vor sehr befremdlich.

 

In der Shoppingmall bekam ich erstmal einen kleinen Schock. Als ich das letzte Mal vor fünf Jahren hier war, war das "Quicentro" noch ein abgefucktes Sammelsurium von trashigen Billigläden und Spielehöllen gewesen, nicht zu vergleichen mit dem europäischen Hochglanz(alp)traum der sich mir heute bot. So gut wie alle grossen Ketten (Zara, Mango, Diesel, Tiffany, Louis Vuitton, Bershka) sind hier vertreten. Die selbstgefällige Mittelschicht flaniert gemütlich während  sich draussen die Strassenkinder darum schlagen ihnen die Schuhe putzen zu dürfen. Abartig. Nachdem ich mich, typisch, eine kleine Runde aufgeregt hatte, habe ich noch mit den örtlichen Verträgen gekämpft um mein Handy auch hier benutzen zu dürfen. Pustekuchen, ich darf morgen wieder hin.

Das Beste am "heimkehren" in dein anderes Heimatland, sind die ganzen heimischen Gerichte und Produkte die man in Frankfurt höchstens in der Kleinmarkthalle erlangt...

Mein erstes Gericht war Ceviche (sieht auf dem Bild nicht soooo geil aus, weil ich erst nach dem Essen auf die Idee kam zu fotografieren- hätte ich instagram wäre ich bestimmt darin trainiert zu fotografieren wenn es am ästhetischsten aussieht). Es ist eine kalte Krabbensuppe welche mit Limetten und Bananenchips serviert wird- übrigens Ecuadors Nationalgericht.

Indio Bravo- übersetzt böser Indio, eine unfassbar leckere und extrem scharfe Sauce.

 

Ich weiss der Beitrag war lang, aber vielleicht hat sich dennoch der ein oder andere die Mühe gemacht ihn zu lesen... versteht mich nicht falsch meine Wut über die Gegensätze in diesem Land beeinflussen meine Liebe zu Ecuador nicht im geringsten. Ganz im Gegenteil, hier gibt es noch so viel zu tun.

 

03August
2014

Goodbye lovers and friends

Während sich meine Mitschüler teilweise immernoch mit der unfassbar nervigen Frage "Was jetzt" herumschlagen, standen meine unmittelbaren Pläne für direkt nach dem Abi relativ früh fest. Ich wollte weg, aber nicht ewig, wollte spanisch sprechen aber nicht in Europa, wollte etwas sinnvolles tun aber trotzdem nicht Gefahr laufen verloren zu gehen- im Endeffekt fiel die Wahl sehr schnell auf das Land aus dem meine Mutter stammt- Ecuador. Ich habe es im Laufe meines Lebens schon einige Male besucht, jedoch ist das letzte Mal einige Jahre her und in meiner Erinnerung sehr verklärt. Vermutlich werde ich dieses magische Land diesmal kritischer beäugen, sowie ich, wie es das Alter so mit sich bringt, im Zuge der Zeit alles anfing kritischer zu betrachten. Da die Tickets schon so früh gebucht waren und ich nichts weiter zu tun brauchte als zu warten, plätscherte das Datum langsam auf mich zu, bis vor einer Woche gekonnt von mir ignoriert. Und mit einem Mal war es die Woche vor dem Abflug in der es unwahrscheinlich viel zu erledigen gab, was allerdings alles durch geschickte procrastination bis heute aufgeschoben wurde- daher bin ich heute nicht euphorisch, traurig oder melancholisch sondern vor allem genervt. Genervt von dem ganzen krimskrams der mit muss, genervt von den vielen "bevor ich fliege machen wir noch was" die ich doch nicht geschafft habe- und vor allem genervt von den tausend Kabeln die der Mensch von heute alle braucht. Kamerakabel, Ereaderkabel, Ipodkabel, Handykabel- Ich will ein scheiss Kabel für alles. Ich denke mal, dass sich die Probleme mit denen ich in Zukunft konfrontiert sein werde vom 1st world Problem Kabel Salat auf andere Gebiete verschieben werden. Morgen heißt es tschüss sagen, ich bin kein Freund von rührseligen Abschieden und auch kein Freund von hoffnungslosigkeit, aber vielleicht schaffe ich es morgen aus meiner neutralität zu erwachen und irgend etwas bezüglich der bevorstehenden Reise zu empfinden.

 

Kater Wiu hat ein Abschiedsgeschenk bekommen (Kein Cent wurde bereut)

 



Der gigantische Riesenkoffer den Mutti mir aufgedrückt hat ist endlich gepackt

Dinge, welche mir den 14 Stunden Flug erleichtern sollen. Rechts unten der böse, böse Ereader, welcher mich in den letzten Tagen so viele Nerven gekostet hat. Aber als meine Eltern meine riesige Büchertasche sahen gabs ne Intervention. Kann mich mit dem Ding noch nicht anfreunden, will mein gebundenes Buch wieder. Das bräuchte kein kack zusätziches Kabel.